Doomscrolling bei Kindern: Wenn der Kopf überfordert ist

Rasantes Reden, viele Informationen, schnelle Geschwindigkeit, Dopaminrausch und nach 30 Sekunden ist alles vorbei und geht mit dem nächsten Video von vorne los.

Die Welt der Kurzvideos spricht viele Reize gleichzeitig an und kann ähnliche Hirnareale ansprechen, wie es Drogen, Zucker oder Extremsportarten tun.

Beim Scrollen auf TikTok oder Instagram wird vor allem das Belohnungssystem aktiviert, insbesondere das dopaminerge Netzwerk.

Dopamin ist ein Motivations- und Erwartungsbotenstoff. Besonders stark wird er bei Unvorhersehbarkeit ausgeschüttet und genau das ist die Krux.

Auch viele Erwachsene berichten, dass sie zum exzessiven Scrollen neigen, insbesondere in Momenten des Aufschiebens oder der Überforderung. Es fällt ihnen schwer, das Smartphone beiseitezulegen, obwohl sie wissen, dass ein übermäßiger Konsum ihnen nicht guttut. Erwachsene verfügen in der Regel über Strategien zur Selbstregulation, etwa durch bewusste Medienpausen oder die Nutzung von Bildschirmzeit Einstellungen. Kinder hingegen haben diese Weitsicht und Selbstkontrolle häufig noch nicht entwickelt und können die langfristigen Auswirkungen intensiven Medienkonsums nur schwer einschätzen.

Wie kann man Kindern dieses Thema nahebringen?

  1. Kindgerechte Aufklärung statt Verbote

    Kinder und können komplexe Zusammenhänge verstehen, wenn man sie in einer Sprache erklärt, die zu ihrer Lebenswelt passen.

    Statt Verbote ohne weitere Erklärung auszusprechen, hilft es, Kindern zu erklären, was in ihrem Kopf passiert, wenn sie lange durch Videos scrollen.

    Man könnte es Kindern zum Beispiel so erklären:
    „TikTok ist wie eine riesige Kiste mit Überraschungen. Dein Gehirn freut sich über jede neue Sache. Aber wenn man zu viele Überraschungen hintereinander bekommt, wird der Kopf irgendwann müde und durcheinander, auch wenn es sich erst noch spannend anfühlt.“

    Wichtig ist dabei, keine Schuld zuzuweisen:
    „Das liegt nicht daran, dass du etwas falsch machst. Die App ist extra so gebaut, dass man immer weiterschaut.“

    So verstehen Kinder, dass nicht sie das Problem sind, sondern dass Apps bewusst so funktionieren.

    Kinder sollten immer hören:
    „Es geht nicht darum, dass du das nicht darfst. Es geht darum, dass dein Kopf auch Pausen braucht, damit er sich gut anfühlt.“

    So wird aus einem Verbot Verständnis, aus Kontrolle Begleitung und aus Schuld Selbstwahrnehmung.

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  1. Gefühle und Auswirkungen gemeinsam wahrnehmen

    Kinder verstehen oft besser, was etwas mit ihnen macht, als warum es theoretisch problematisch ist. Deshalb ist es hilfreich, den Fokus nicht auf Regeln zu legen, sondern auf das eigene Erleben.

    Statt zu sagen, dass Doomscrolling schädlich ist, können Erwachsene Kinder dabei begleiten, ihre eigenen Gefühle und Körpersignale wahrzunehmen.

    Durch diese Fragen könnte man Kinder begleiten:

    – Wie fühlt sich dein Kopf an, nachdem du Videos geschaut hast?
    – Ist er eher wach oder müde?
    – Fühlt er sich voll oder leer an?

    Erklären, was in der Zeit nicht passiert

    „Während du Videos geschaut hast, bekommt dein Hirn ganz viele Bilder und Geräusche. Es kann aber in dieser Zeit nicht kreativ werden oder sich selbst etwas ausdenken.“

    Das Gehirn als Team erklären

    „Dein Gehirn besteht aus vielen Teilen, die zusammenarbeiten. Beim Scrollen arbeitet fast immer derselbe Teil, der für schnelle Bilder zuständig ist. Andere Teile, zum Beispiel fürs Nachdenken, Erfinden oder Planen, haben dabei Pause. Wenn immer nur ein Teil arbeitet, wird der schnell müde.“

    Wenn vorhanden, eigene Erfahrungen teilen

    Ein besonders wertvoller Zugang ist, wenn Erwachsene von sich selbst erzählen, ohne zu dramatisieren.

    „Mir passiert das auch. Wenn ich lange am Handy bin, fühle ich mich danach oft ausgelaugt oder unruhig. Die Dinge, die ich eigentlich erledigen wollte, sind dann immer noch da, und das frustriert mich.“

    Kinder lernen hier, Gefühle zu benennen, Zusammenhänge zu erkennen, dass Erwachsene auch betroffen sind und dass es kein persönliches Versagen ist
    So entsteht Verständnis statt Widerstand und genau darauf baut ein gesunder Umgang mit Medien auf.

  2. Begleiten statt kontrollieren

    Natürlich müssen Eltern auch konsequent sein, denn sie tragen Verantwortung für ihre Kinder. Konsequent zu sein bedeutet jedoch nicht, pauschale Verbote auszusprechen, und schon gar nicht ohne Erklärung.

    Was naheliegend ist, aber oft übersehen wird, ist die eigene Vorbildfunktion. Kinder schauen sich unglaublich viel von ihren Eltern ab. Wenn Erwachsene beim Essen ständig zum Handy greifen oder alle paar Minuten darauf schauen, wird es schwer, Kindern glaubhaft zu vermitteln, dass genau dieses Verhalten nicht gut für sie ist. Denn Kinder merken sehr genau, was gesagt wird und was tatsächlich gelebt wird.

    Wenn Regeln notwendig sind, sollten sie deshalb möglichst gemeinsam mit den Kindern erarbeitet werden. So können Kinder mitdenken, mitentscheiden und verstehen, warum es diese Regeln gibt. Werden Regeln einfach vorgegeben, ohne Beteiligung oder Erklärung, entsteht schnell Widerstand. Nicht, weil Kinder „schwierig“ sind, sondern weil sie sich übergangen fühlen.

    Reine Bildschirmverbote halten meist nur kurz, da sie das eigentliche Problem nicht lösen. Sie setzen am Symptom an, nicht an der Ursache. Genau hier greifen die vorherigen Punkte. Statt reiner Kontrolle braucht es Gespräche und Mitgestaltung. Langfristig brauchen Kinder keine Kontrolle von außen, sondern Orientierung und Begleitung von innen.

  3. Alternativen anbieten, nicht aufzwingen

    Wenn das Gehirn durch Doomscrolling bereits reizüberflutet ist, gibt es einige Dinge, die ihm helfen können, wieder zur Ruhe zu kommen. Dazu zählen zum Beispiel

    • Rausgehen ohne Ziel, spazieren, schaukeln oder im Sand buddeln
    • Malen oder kneten, frei, ohne Vorgaben oder Bewertung
    • Bauen und sortieren, etwa mit Lego, Bausteinen oder Puzzles
    • Vorlesen oder gemeinsam Bilder anschauen, ruhig und ohne Bildschirm
    • Körperkontakt, kuscheln, eine Handmassage oder eine feste Umarmung
    • Rituale, zum Beispiel nach dem Handy immer dieselbe ruhige Aktivität

Besonders hilfreich ist es, Kindern dabei eine kleine Auswahl anzubieten. So können sie selbst mitentscheiden, fühlen sich ernst genommen und die Motivation steigt ganz von allein.

Die Sicher-Stark-Initiative zählt bundesweit zu den wichtigsten Anlaufstellen, wenn es um den Schutz und die Stärkung von Kindern geht. Seit fast 30 Jahren engagiert sich ein fachübergreifendes Team aus der Pädagogik, der Psychologie und der IT zusammen mit ehemaligen Polizeikräften für die Sicherheit von Kindern. In ganz Deutschland bietet die Initiative praxisnahe Schulungen, Fachkräfte-Weiterbildungen, Elterntrainings und Webinare an. Mit dem Ziel, Kinder frühzeitig zu stärken und ihnen ein sicheres, selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. In der analogen wie in der digitalen Welt. Mehr Informationen finden Sie unter: www.sicher-stark-team.de.

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