Als Elternteil erlebt man Momente, in denen man das Gefühl hat, dass etwas nicht stimmt. Das Kind verweigert, trotzt oder zieht sich zurück. Man versucht, die Situation zu klären, indem man erklärt, bittet oder droht, doch je mehr man sich anstrengt, desto mehr entgleitet einem die Kontrolle. In solchen Situationen fehlt oft nicht eine neue Erziehungsstrategie, sondern etwas viel Grundlegenderes.
Birgit Gattringer, Mentaltrainerin und Elternbegleiterin aus Österreich, bringt es in einem Bild auf den Punkt, das viele Eltern sofort verstehen. Sie vergleicht die Beziehung zwischen Eltern und Kind mit einer Brücke. Jedes Mal, wenn man zuhört, wenn man liebevoll eine Grenze setzt, wenn man das Kind wirklich sieht, legt man einen Stein in diese Brücke. Und jedes Mal, wenn man schimpft, droht oder nörgelt, nimmt man einen wieder heraus. Die Brücke muss stabil genug sein, damit das Kind sich führen lässt und damit es mitkommt. Nicht aus Angst, sondern weil es einem vertraut.
Was die Wissenschaft schon lange weiß
Das, was Gattringer beschreibt, hat in der Entwicklungspsychologie seit Jahrzehnten einen Namen. Der britische Psychiater John Bowlby hat bereits in den 1960er-Jahren die Grundlagen der Bindungstheorie gelegt. Bowlby zeigte, dass Bindung ein überlebenswichtiges menschliches Bedürfnis ist, ähnlich wie Essen und Schlaf, und dass eine sichere Bindung in der Kindheit zu einer gesunden emotionalen Entwicklung sowie zu stabilen Beziehungen im Erwachsenenalter führt.
Im Alltag zeigt sich dies ganz deutlich: Kinder brauchen emotionale Sicherheit, um ihre Umwelt zu erkunden und daraus zu lernen. Ein Kind, das sich sicher fühlt, kann seine Neugier entfalten, Fehler machen und auch mal ein Nein verkraften, ohne daran zu zerbrechen. Es weiß, dass die Bindung zu seiner Bezugsperson nicht davon abhängt, ob es gerade brav ist oder nicht. Bindung ist schließlich keine Belohnung für gutes Verhalten, sondern ist die Voraussetzung dafür, dass Erziehung überhaupt funktioniert.
Verhalten ist immer eine Botschaft
Gattringer sagt, der größte Wendepunkt für viele Eltern sei der Moment, in dem sie aufhören, das Verhalten ihres Kindes persönlich zu nehmen. Kein Kind wacht morgens auf und denkt sich, wie es Mama oder Papa heute das Leben schwer machen kann. Wenn Kinder schreien, trotzen oder sich verweigern, steckt dahinter kein böser Wille. Oft steckt dahinter ein Kind, dessen Nervensystem gerade überfordert ist.
Diese scheinbar kleine Perspektivverschiebung hat das Potenzial, alles zu verändern. Verhalten als Botschaft statt als Angriff zu verstehen führt zu ruhigeren und neugierigeren Reaktionen. Kinder spüren diese Veränderung sofort. Wenn sie sich gesehen fühlen, kooperieren sie viel eher, und zwar nicht aus Gehorsam, sondern weil die Verbindung stimmt.
Fehler gehören dazu
Viele Eltern machen sich Sorgen, ob sie ihren Kindern genug bieten. Sie fragen sich, ob ihr Stress, ihre Ungeduld oder ein schlechter Tag dem Kind dauerhaften Schaden zufügen können.
Die Bindungsforschung bietet eine beruhigende Erkenntnis: Kinder brauchen keine perfekten Eltern, sondern verlässliche. Verlässlichkeit bedeutet, dass das Kind immer wieder erfährt: Wenn ich jemanden brauche, ist jemand für mich da. Wer nach einem Ausraster auf sein Kind zugeht, sich erklärt und die Nähe wiederherstellt, handelt genau richtig. Kinder lernen nicht nur aus positiven Momenten, sondern auch aus dem, was darauf folgt.
Was Bindung nicht bedeutet
Bindungsorientierte Erziehung wird oft missverstanden als eine Erziehungsform, bei der Kinder alles tun dürfen. Gattringer stellt jedoch klar, dass es darum geht, Kindern Halt, Verbindung und liebevolle Klarheit zu bieten. Grenzen sind unerlässlich, da sie Kindern Orientierung geben. Grenzen, die aus einer sicheren Verbindung heraus gesetzt werden, wirken sich jedoch anders auf Kinder aus als solche, die aus Erschöpfung oder Ärger resultieren. Erstere werden von Kindern als Führung empfunden, letztere als Bedrohung.
Die richtigen Worte im richtigen Moment
In ihrem Buch 50 Sätze, die es Eltern leichter machen, erschienen im Kösel-Verlag, beschreibt Gattringer konkrete Formulierungen, die Eltern in alltäglichen Konfliktsituationen helfen können, die Verbindung zum Kind zu halten. Der Ansatz dahinter ist so simpel wie wirkungsvoll: Nicht fehlende Liebe ist das Problem in vielen Familien. Oft fehlen im entscheidenden Moment einfach die richtigen Worte.
Ein Kind, das gerade explodiert, braucht in diesem Moment keine Erklärung und keine Konsequenz. Es braucht jemanden, der bleibt. Der nicht wegläuft, nicht zurückschreit, sondern einfach da ist. Das ist schwerer, als es klingt. Aber es ist der Moment, in dem Bindung entsteht oder gestärkt wird.
Quellen:
https://www.meinbezirk.at/tulln/c-lokales/bindung-ist-entscheidend-so-die-bruecke-zum-kind-staerken_a8651321
John Bowlby: Bindungstheorie, Grundlagen und Forschung (1969ff.)
https://studyflix.de/paedagogik-psychologie/bindungstheorie-7759
Die Sicher-Stark-Initiative zählt bundesweit zu den wichtigsten Anlaufstellen, wenn es um den Schutz und die Stärkung von Kindern geht. Seit fast 30 Jahren engagiert sich ein interdisziplinäres Team aus Pädagog:innen, Psycholog:innen, IT-Expert:innen und ehemaligen Polizeibeamt:innen für die Sicherheit von Kindern. In ganz Deutschland bietet die Initiative praxisnahe Schulungen, Elterntrainings und Webinare an – mit dem Ziel, Kinder frühzeitig zu stärken und ihnen ein sicheres, selbstbestimmtes Leben in analogen wie digitalen Lebenswelten zu ermöglichen.
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Autorin: Daniela Schönwald