Es ist ein Moment, den viele Eltern kennen: Das Licht ist gedimmt, der Tag eigentlich vorbei und plötzlich kommen sie: Fragen, Gedanken und Unsicherheiten.
„Was ist, wenn ich morgen etwas falsch mache?“ „Warum war meine Freundin heute so komisch?“
Gerade abends melden sich Sorgen bei Kindern oft besonders hartnäckig. Wenn der Trubel des Tages nachlässt, wird es im Inneren lauter. Für Kinder kann das überfordernd sein, weil ihnen häufig noch die Strategien fehlen, mit solchen Gedanken umzugehen. Genau hier setzt ein Ansatz an, der in der psychologischen Praxis schon länger genutzt wird und sich überraschend einfach in den Familienalltag integrieren lässt: die sogenannte „Sorgenzeit“. Eine kurze, bewusste Gesprächsphase am Abend, in der Kinder ihre Gedanken aussprechen dürfen.
Warum Sorgen gerade abends auftauchen
Kinder verarbeiten ihren Tag nicht unbedingt in dem Moment, in dem etwas passiert. Während Schule, Freizeit und Medien den Alltag bestimmen, bleibt wenig Raum für Reflexion. Erst wenn Ruhe einkehrt, beginnt das Gehirn, Erlebnisse zu sortieren.Genau dann entstehen Fragen, Unsicherheiten und manchmal auch Ängste. Psychologisch ist das ein völlig normaler Prozess. Gedanken, die tagsüber „weggeschoben“ wurden, drängen sich abends wieder nach vorn. Für Kinder bedeutet das: Sie sind plötzlich allein mit Gefühlen, die sie noch nicht einordnen können. Ohne Unterstützung kann daraus Grübeln entstehen – ein Zustand, der nicht nur das Einschlafen erschwert, sondern auch das emotionale Wohlbefinden belastet.
Die Idee hinter den „Sorgenminuten“
Die sogenannte Sorgenzeit stammt ursprünglich aus der kognitiven Verhaltenstherapie. Dort wird Menschen empfohlen, belastenden Gedanken bewusst einen festen Platz im Tagesablauf zu geben, statt sie ständig zu verdrängen.
Übertragen auf den Familienalltag bedeutet das: Kinder bekommen einen geschützten Rahmen, in dem alles ausgesprochen werden darf, was sie beschäftigt. Sorgen werden nicht unterdrückt, sondern bewusst wahrgenommen und anschließend losgelassen.
Der Effekt ist erstaunlich: Gedanken verlieren an Intensität, wenn sie benannt werden. Gleichzeitig lernt das Gehirn, dass nicht jede Sorge sofort Aufmerksamkeit braucht.
Was Kinder dabei wirklich lernen
Auf den ersten Blick wirken zehn Minuten Gespräch am Abend unscheinbar. Tatsächlich passiert in dieser Zeit aber etwas Entscheidendes.
Kinder erleben, dass ihre Gefühle ernst genommen werden. Sie merken, dass Unsicherheit, Angst oder Wut nichts ist, was „weg muss“, sondern etwas, das verstanden werden darf. Gleichzeitig entwickeln sie die Fähigkeit, Gedanken zu ordnen, statt von ihnen überwältigt zu werden.
Langfristig entsteht daraus eine zentrale Kompetenz: Die emotionale Selbstregulation. Also die Fähigkeit, mit inneren Spannungen umzugehen, ohne dass sie sich aufstauen oder in impulsives Verhalten umschlagen. Für die Präventionsarbeit ist genau das ein Schlüssel. Kinder, die ihre Gefühle einordnen können, reagieren weniger impulsiv, geraten seltener in eskalierende Konflikte und sind insgesamt stabiler im Umgang mit Stress.
Warum Zuhören wichtiger ist als Lösungen
Viele Eltern reagieren auf Sorgen reflexartig mit Lösungen. Sie trösten, erklären, relativieren oder versuchen, Probleme sofort zu beheben. Das ist verständlich, jedoch nicht immer hilfreich. Kinder brauchen in solchen Momenten vor allem eines: das Gefühl, verstanden zu werden. Wenn Erwachsene zu schnell Lösungen anbieten, kann das ungewollt vermitteln, dass die Gefühle des Kindes „kein echtes Problem“ sind. Zuhören hingegen signalisiert: Deine Gedanken haben Platz. Du bist nicht allein damit. Erst wenn ein Kind sich gehört fühlt, ist es überhaupt bereit, neue Perspektiven anzunehmen. Genau deshalb ist die Haltung der Eltern entscheidender als die perfekte Antwort.
Ein kleines Ritual mit großer Wirkung
Damit Sorgenzeit im Alltag funktioniert, braucht es keine komplizierten Methoden. Entscheidend ist die Regelmäßigkeit und die Atmosphäre. Ein kurzer, ruhiger Moment am Abend reicht oft aus, um Kindern Sicherheit zu geben. Typischerweise entsteht dieses Ritual rund um das Zubettgehen, wie z. B. nach dem Vorlesen oder kurz vor dem Einschlafen. Wichtig ist, dass es ein verlässlicher Zeitpunkt ist, an dem das Kind weiß: Jetzt ist Raum für meine Gedanken.
Hilfreich ist dabei eine klare, offene Einladung. Eine einfache Frage wie „Gibt es heute etwas, das dich beschäftigt hat?“ kann Türen öffnen, die im hektischen Alltag verschlossen bleiben. Manche Familien entwickeln zusätzlich kleine Rituale, um den Tag bewusst abzuschließen. Sorgen werden aufgeschrieben, symbolisch „weggelegt“ oder gemeinsam verabschiedet. Solche Handlungen wirken oft stärker als lange Gespräche, weil sie Kindern helfen, innerlich loszulassen.
Worauf Eltern achten sollten
Damit die Sorgenzeit ihre Wirkung entfalten kann, kommt es weniger auf Technik als auf Haltung an. Entscheidend ist, dass Kinder sich sicher fühlen und nicht bewertet werden.
Dabei helfen vor allem drei Grundprinzipien:
- Zuhören, ohne sofort zu korrigieren oder zu relativieren
- Gefühle benennen und ernst nehmen, statt sie kleinzureden
- Gedanken gemeinsam einordnen, ohne Druck oder Bewertung
Diese Haltung stärkt nicht nur das Vertrauen, sondern auch die Fähigkeit des Kindes, sich selbst besser zu verstehen.
Mehr als ein Abendritual
Die „Sorgenminuten“ sind weit mehr als ein kurzer Austausch vor dem Schlafengehen. Sie sind ein Signal: Deine Gedanken sind wichtig. Deine Gefühle haben Platz. Gerade in einer Zeit, in der Kinder vielen Eindrücken ausgesetzt sind, wie Schule, soziale Erwartungen, digitale Medien etc., wird diese Form der Zuwendung immer bedeutender. Sie schafft einen Gegenpol zur ständigen Reizüberflutung und gibt Kindern Orientierung.
Die Sicher-Stark-Initiative zählt bundesweit zu den wichtigsten Anlaufstellen, wenn es um den Schutz und die Stärkung von Kindern geht. Seit fast 30 Jahren engagiert sich ein fachübergreifendes Team aus der Pädagogik, der Psychologie und der IT zusammen mit ehemaligen Polizeikräften für die Sicherheit von Kindern. In ganz Deutschland bietet die Initiative praxisnahe Schulungen, Fachkräfte-Weiterbildungen, Elterntrainings und Webinare an. Mit dem Ziel, Kinder frühzeitig zu stärken und ihnen ein sicheres, selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. In der analogen wie in der digitalen Welt.
Mehr Informationen finden Sie unter: www.sicher-stark-team.de.
Quelle: https://www.focus.de/familie/erziehung/simple-routine-vor-dem-schlafengehen-mit-10-sorgenminuten-am-abend-staerken-eltern-ihre-kinder_ce3359da-bafe-46b7-984a-0146447f65ef.html
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Autorin: Daniela Schönwald
