Eltern stehen heute vor einer Herausforderung: Einerseits möchten sie ihre Kinder liebevoll begleiten, sensibel auf Bedürfnisse eingehen und starke Beziehungen aufbauen. Andererseits sollen Grenzen gesetzt, Regeln vermittelt und soziale Normen eingeübt werden. Viele nutzen den Begriff „bedürfnisorientierte Erziehung“. Doch was bedeutet das wirklich? Und wie lässt sich dieser Ansatz mit dem Bedürfnis nach Sicherheit, Orientierung und klarer Struktur verbinden, ohne in Beliebigkeit zu verfallen?
Bedürfnisorientierte Erziehung wird oft missverstanden als „Kinder dürfen alles“ oder „alles wird akzeptiert, Hauptsache das Kind fühlt sich gut“. Doch genau das ist damit nicht gemeint und genau hier liegt die Gefahr, die Eltern oft verunsichert. Bedürfnisorientierung bedeutet nicht grenzenlose Freiheit, sondern achtsame Führung: verstanden als ein Erziehungsstil, der Bedürfnisse wahrnimmt, kommuniziert und mit klaren, altersgerechten Strukturen ergänzt.
Was bedeutet „bedürfnisorientiert“ wirklich?
Der Kern dieses Ansatzes ist einfach, aber tief: Kinder haben Gefühle, Wünsche, Unsicherheiten und diese haben Bedeutung. Bedürfnisorientierte Erziehung besagt, dass Eltern diese Gefühle nicht ignorieren, belächeln oder sofort bestrafen, sondern sie wahrnehmen, benennen und mit dem Kind gemeinsam betrachten.
Das bedeutet etwa:
· Zuhören statt sofort reagieren
· Wahrnehmen statt abwerten
· Erklären statt bestrafen
Das Ziel ist nicht, Kinder in das Chaos zu entlassen, sondern ihnen zu helfen, ihre innere Welt zu verstehen und in äußere Regeln einzuordnen.
Der renommierte Erziehungswissenschaftler Jesper Juul beschreibt das treffend: In einer bedürfnisorientierten Beziehung gehe es darum, Beziehungsqualität herzustellen, nicht um reine Bedürfnisbefriedigung.
Bedürfnisorientiert heißt nicht: „Kinder dürfen alles.“
Ein zentraler Irrtum ist die Annahme, dass Bedürfnisorientierung bedeutet, Kindern alles zu erlauben. Ganz ohne Grenzen, Regeln oder Konsequenzen. Diese Sicht greift jedoch zu kurz. Bedürfnisse sind ein Ausgangspunkt, nicht aber das Ende der Erziehung.
Grenzen sind nicht per se „unerfüllte Bedürfnisse“. Sie sind vielmehr ein notwendiger Bestandteil von Sicherheit und Entwicklung, den Kinder für ihre Orientierung brauchen.
Kinder brauchen:
· Struktur und Verlässlichkeit
· Konsistente Regeln
· Klare Grenzen, die erklären statt verbieten
· Konsequente, aber liebevolle Begleitung
Kinder ohne klare Grenzen werden nicht „freier“ oder „stärker“. Sie erleben vielmehr Unsicherheit: Was ist erlaubt? Was nicht? Was passiert, wenn ich das nicht einhalte?
Bedürfnisorientierung bedeutet daher: Ich nehme die Gefühle und Wahrnehmungen meines Kindes ernst, aber ich begleite es gleichzeitig mit klaren Regeln und einer sicheren Struktur.
Wie setze ich Grenzen, ohne die Bedürfnisse zu ignorieren?
1. Grundbedürfnisse zuerst verstehen
Kinder haben grundlegende Bedürfnisse nach Nähe, Stabilität, Anerkennung und Sicherheit. Wenn ein Kind wütend reagiert, ist nicht primär das Verhalten das Problem, sondern das unerfüllte Gefühl dahinter. Eltern können versuchen, zuerst zu verstehen, bevor sie reagieren.
Beispiel: „Es sieht so aus, als wärst du enttäuscht, weil … Magst du mir erzählen, was du fühlst?“
2. Regeln erklären statt „durchzusetzen“
Kinder verstehen besser, wenn sie den Sinn hinter Regeln erkennen. Ein schlichtes „Du darfst das nicht!“ hilft wenig. Ein „Du darfst das nicht, weil …“ schafft Einsicht.
Beispiel: „Wir gehen gleich essen, deshalb kannst du jetzt nicht weiterspielen.“
So entsteht kein Machtkampf, sondern Verständnis.
3. Konsequenzen sind kein Widerspruch zu Nähe
Konsequenzen können logisch und liebevoll sein. Kinder müssen lernen, dass Handlungen Folgen haben, denn das ist ein Grundprinzip von realer Sicherheit und sozialem Miteinander.
Beispiel: Ein Kind räumt sein Spielzeug nicht weg → Konsequenz: Es wird erst wieder nach dem Aufräumen gespielt. Das ist kein Bestrafen, sondern ein klares, nachvollziehbares Ergebnis.
Bedürfnisorientierte Erziehung und Sicherheit gehen Hand in Hand
Sicher und Stark steht für ganzheitliche Kindersicherheit, nicht nur physisch (z. B. Schulweg, Gefahrenvermeidung), sondern auch psychisch. Bedürfnisorientierte Erziehung ist ein Baustein dieser psychischen Sicherheit.
Kinder, die spüren:
- „Meine Eltern hören mir zu“,
- „Ich werde ernst genommen“,
- „Meine Gefühle zählen“,
… entwickeln ein starkes Selbstwertgefühl. Und genau dieses Selbstwertgefühl macht Kinder robuster gegenüber Mobbing, Gruppendruck, Unsicherheit oder schwierigen Lebensphasen.
Bedürfnisorientierung bedeutet also nicht „Alles ist erlaubt!“, sondern vielmehr: Ich achte dich, aber ich begleite dich mit klaren Leitplanken.
Die Sicher-Stark-Initiative zählt bundesweit zu den wichtigsten Anlaufstellen, wenn es um den Schutz und die Stärkung von Kindern geht. Seit fast 30 Jahren engagiert sich ein interdisziplinäres Team aus Pädagog:innen, Psycholog:innen, IT-Expert:innen und ehemaligen Polizeibeamt:innen für die Sicherheit von Kindern. In ganz Deutschland bietet die Initiative praxisnahe Schulungen, Elterntrainings und Webinare an – mit dem Ziel, Kinder frühzeitig zu stärken und ihnen ein sicheres, selbstbestimmtes Leben in analogen wie digitalen Lebenswelten zu ermöglichen.
Mehr Infomationen: https://www.sicher-stark-team.de/
Für Rückfragen:
BUNDESPRESSESTELLE SICHER-STARK
Hofpfad 11
D – 53879 Euskirchen
Service -Tel. 0180 – 5550133-2*
Service -Fax: 0180 – 5550133-0*
(* 0,14 Euro pro Minute aus dem deutschen Festnetz; maximal 42 Cent pro Minute aus dem Mobilfunknetz.)
Internet:www.sicher-stark-team.de
E-Mail: presse@sicher-stark.de
Autorin: Daniela Schönwald
